Nach der Auto-Attacke in Münster: (Auch) Journalisten haben es schwer. Der Umgang deutschsprachiger Medien mit dem Thema Terror

Der Umgang deutschsprachiger Medien mit dem Thema Terror

Sie sollen ja eigentlich informieren und das sachlich und unvoreingenommen. Erreichen sie dieses Ziel, eben nicht immer. Insbesondere dann wenn sie sehr unterschiedlichen Erwartungen gerecht werden müssen, kommen sie unters Kreuzfeuer. Wenn man den Vorfall in Münster genauer betrachtet fällt dieses Dilemma besonders auf: Klassisch gesehen könnten Journalisten nach den klassischen W-Fragen (Wer, Wann, Wo, Wie..). Aber genau hier steckt scheinbar das Dilemma, reicht es z.B. zu schreiben: „Ein Mann ist mit einem VW Buss in eine Menschenmenge gefahren“. Schon könnte man kritisieren, warum schreiben wir „Mann“? Wird damit nicht automatisch suggeriert, typisch Mann: gefährlich, gewaltbesessen – eine Frau würde sowas nicht machen. Müssen wir erwähnen, dass es sich um ein VW Buss und nicht um ein Mercedes, Opel etc. handelt? In einigen Ländern würde man wohl sehr neuralgisch darauf reagieren. Noch komplizierter wird die Sache, bei der Täterbeschreibung. Schnell haben Medien (durch die Polizei) den Namen und den Beruf von Jens R., Designer preisgegeben. Zum Letzteren: hier fällt auf, auch wenn die Angabe des Berufes nötig erscheint. Hilft sie uns den Sachverhalt besser einzuordnen oder gar zu verstehen? Leider nicht.

Genau hier fängt die Problematik ja an: Verstehen! Die grundsätzliche Frage muss gestellt werden, kann man so einen Akt verstehen. Meiner Meinung nach nur begrenzt, eher nicht. Ich als Nicht-Journalist kann mich rausreden, ein professioneller Berichterstatter eben nicht. Er muss bzw. soll helfen, den Sachverhalt besser einzuordnen oder gar zu verstehen. Einfach ist es sich dabei an der Erwartung der Öffentlichkeit zu orientieren: War es (wieder) ein islamistischer Terrorakt? Auf dem ersten Blick ist diese Frage berechtigt, denn leider hatten wir es in Deutschland wie weltweit immer wieder mit islamistisch orientierten Attentaten zutun. Doch genau hier liegt die Zwickmühle: schnell konnte man aus den Newstickern lesen, dass es ein Deutscher mit psychischen Problemen gewesen sein soll (!). Scheinbar hilft diese Beschreibung uns den Sachverhalt zuzuordnen: also kein islamistischer Anschlag, kein Ausländer/Flüchtling und keiner mit terroristischen Absichten. Genau hier haben wir aber ein nächstes Problem. Zu „erwarten“ wäre ja gewesen, dass es ein Ausländer oder gar ein Flüchtling ist – man hört und liest ja viel von ausländischen (!) Messerstechern – so oder so werden es Rechtspopulisten und Rassisten kommentiert haben (einzelne AfDler haben es wohl im ersten Augenblick so oder so ähnlich kommentiert und dann wieder ihre Social Media Einträge gelöscht oder geändert). Diese haben quasi sehnsüchtig gewartet diesen abscheulichen Akt als typisch Ausländer, Moslem oder Flüchtling zu qualifizieren. Das es nicht so war hilft nur im Augenblick. Es klärt nur scheinbar die Vermutung auf: es ist kein terroristisch motivierter Akt.

Dadurch wird aber indirekt schon der bestehende Eindruck eher gefestigt: Diesmal waren sie es nicht, aber beim nächsten Mal? Die Konation Flüchtling/Ausländer und Gewalt wird damit nicht aufgehoben, sondern nur vertagt, bis sie wieder eine Aktualisierung erfahren darf. Fast schon perfide wird eine weitere, wenn auch nicht gewollte unterschwellige Akzentuierung gefällt. Deutsche machen sowas nicht (zu mindestens kein Terroranschlag) und wenn, dann sind sie geistesgestört. Dies lässt sich weiter steigern: Der Attentäter ist ein Deutscher kein Moslem. Wenn er gebürtiger Deutscher und Moslem, z.B. ein Konvertit gewesen wäre, hätten wir also doch fragen müssen: ein islamistischer Anschlag. Ein Moslem oder Konvertit kann ja erstmal nicht psychisch verwirrt sein, er wird es auch religiösen Gründen gemacht haben oder?Denn diese Frage stand ja auch in der Erwähnung der Berichterstattung: es hätte sich um einen Konvertiten mit Terrorabsichten handeln können. Auch hier scheinbar gibt es Belege aus der Vergangenheit und Gegenwart: Hunderte Deutsche sollen in den Reihen des IS kämpfen. Aber hier wird es nun gefährlich: denn hierdurch wird zum einen die Konation verstärkt, Deutschsein und Islam gehören nicht zusammen und zum anderen, wenn dann nur in Zusammenhang von Gewalt und Terror.

Dies verhindert aber auch eine Diskussion, die genau ja möglicher Weise eine Erklärung für das Ereignis sein soll: Ein Mensch rastet aus und bringt wahllos Unschuldige um. Wie kann es dazu kommen? Es ist nicht das erste Mal. Am 24. März 2015 stürzt ein Airbus A320-211 der Lufthansa-Tochter Germanwings auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf ab. Das Flugzeug zerschellt nach minutenlangem Sinkflug in den südfranzösischen Alpen. Alle 150 Menschen an Bord der Maschine kommen ums Leben. Der Co-Pilot des Flugs 4U9525 brachte die Maschine absichtlich zum Absturz. Oder: Bei einem Anschlag in München 2016 tötet der 18-jährige Schüler David S. am 22. Juli 2016 am und im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) im Stadtbezirk Moosach neun Menschen. Aber auch die vielen, vielen Fälle im privaten häuslichen Bereich, neben den zahlreichen Suizidfällen, Berichte über misshandelte Menschen, Mütter die ihre Kinder verhungern lassen oder musshandeln, Väter, die im Suizid ihre Kinder umbringen usw. Daneben die vielen vielen Berichte aus den USA, wo Schüler bis auf die Zähne bewaffnet ihre Mitschüler und Lehrer umbringen oder wahllos vom Dach eines Hotels Menschen erschießen. Unbedingt erwähnt werden muss auch der NSU Terror, dem zehn Menschen zum Opfer fielen und der uns immer noch beschäftigt. Der uns zu mindestens zeitweilig die Augen und das Bewusstsein für das Thema rechter Terror geöffnet hat – denn jahrelang waren Verfassungsschutzbehörden auf dem einen, rechten Auge blind (unabhängig von der Frage, dass die Frage der Verstrickung von staatlichen Stellen in diesem Fall bis dato nicht ganz geklärt ist). Es wird Zeit, das wir über Gewalt und die Gründe und mögliche Präventionsarbeit sprechen. Denn Gewalt und Terror ist nicht Kultur- oder Religonsspezifisches – es gibt Gewalt in jeder Gesellschaft und Kultur. Was sich verändert ist scheinbar die Form. Und das wir Menschen lernen können mit dem Gewaltpotential in uns fertig zu werden.

Verkannt wird aber, dass wir nicht nur viele Konvertiten haben, sondern auch viele friedliche und friedliebende Muslime, die selbst Opfer von Terror werden können, wie die zahlreichen Anschläge auf Moscheen zeigen, die schon in der zweiten, dritten und vierten Generation leben und sich selbst mehr Deutsch als was anderes sehen und fühlen. Genau dies kommt in der öffentlichen Diskussion viel zu kurz, besonders dann wenn man immer noch von Politikern wie Horst Seehofer hören muss, dass der Islam nicht zu Deutschland gehören würde. Damit wird nicht nur eine verstockte, erzkonservative Haltung artikuliert, sondern auch eine die weder den historischen noch den gesellschaftlichen Verhältnissen gerecht wird. Es ist selbstredend, dass ein Zeitungsbericht oder ein Onlineartikel nicht auf Anhieb al die Fragen und Nachfragen berücksichtigen kann, die hier aufgeworfen wurden. Aber es ist zu erwarten, dass in Kommentaren, öffentlichen Diskussionen, aber auch auf einer selbstkritischen Metaebene genau diese Fragen („Wie gehen wir mit dem Phänomen Terror, Anschläge um, ohne dabei Feinbilder zu bedienen) aufgegriffen werden müssen. Denn der soziale Frieden in unserem Land wird nicht nur dadurch gestört, dass Wahnsinnige, wie in Münster, menschenverachtende Taten begehen, sondern unterschwellig Bilder und Annahmen unterschwellig unkommentiert weitergetragen werden, die immer aufs Neue Feindbilder und Ressentiments schüren.

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