Deutsch-Türken raus?

Wie sich ein Gespenst beim genauen Hinsehen auflöst

Das türkische Referendum hat in Deutschland einen Scherbenhaufen hinterlassen: Auf der einen Seite haben wir nicht integrierte Türken, auf der anderen Seite die Gegner Erdoğans, die vermeintlichen Super-Demokraten. Und dann haben wir noch die Deutschen, die unverblühmt endlich wieder „Türken raus“ buhlen können. Von Dr. Ismail Yavuzcan

Laut und deutlich ist in den deutschen Medien und in sozialen Netzwerken zu lesen, dass Erdoğan-Wähler nicht integriert sein. Sie genießten hier die Vorzüge der Demokratie, würden aber in der Türkei die Diktatur unterstützen. Dann sollten sie doch in die Türkei zurückkehren, und die Doppelte-Staatsbürgerschaft sollte man auch neu regeln. Dies führt bei allen Deutsch-Türken – egal ob mit deutschem Pass, türkischen Pass oder beiden Pässen – zu einer Frustreaktion, die schon vor den Wahlen zu beobachten war: Alle Welt ist gegen uns, die Deutschen hassen uns, wir müssen noch mehr zusammenhalten, wir müssen Erdoğan noch mehr huldigen.

Auf der anderen Seite wird Eroğan-Gegnern unterstellt, sie seien waschechte Demokraten, Musterbeispiele gelungener Integration. Tatsächlich befinden sich unter ihnen viele Sympathisanten von Terrororganisation wie der PKK und Kemalisten, die Atatürk-Zeiten herbeisehnen. Eine Zeit, in der religiöse Menschen unterdrückt und Kurden, die sich nicht der Assimilationspolitik unterwarfen, verfolgt wurden. Und fälschlicherweise wird auch angenommen, dass diese Wähler genau wüssten, welche Änderungen die türkische Verfassungsänderung mit sich bringen würde.

Kommen wir zurück zu den „Erdoğan-Wählern“. Warum die Erdoğan wählen? Erdoğan ist ein charismatischer Führer, der genau die Gefühle und Werte der breiten konservativen, nationalistischen beziehungsweise religiösen Bevölkerung anspricht. Er kommt aus dem Volk, spricht ihre Sprache und verspricht ihnen Halt, eine starke Türkei, Wohlstand und hat bereits einiges seiner Versprechungen einlösen können – quasi ein Novum in der türkischen Politik. Die Menschen wählen ihn aber auch aus einer Sympathie heraus – was nicht genuin türkisch ist. Auch in Deutschland muss ein Kandidat gut aussehen, eloquent sein, medial auftreten können und die Zuhörer mitreißen.

Vergessen werden darf auch nicht, dass türkischen Medien, die von den hiesigen Türkeistämmigen regelmäßig konsumiert werden, ideologisch Pro-Erdoğan gleichgeschaltet sind. Sie geben mehrheitlich ein Schwarz-Weiß-Bild wider und blenden Themen wie Menschenrechtsverletzungen oder parteiische Justiz nahezu komplett aus. Dies gilt natürlich auch für Medien der anderen Seite. Die wiederum versuchen alles schlechtzureden, was Erdoğan in den letzten Jahren geleistet hat.

Ein nicht unwesentlicher Faktor für den Ausgang des Referendums war jedoch die Wahlwerbung von deutschen Medien, Parteien und Politikern gegen die Verfassungsänderung. Sie hat im Ergebnis so ziemlich genau das Gegenteil bewirkt, weil sie unter den Türkeistämmigen eine starke Trotzreaktion hervorgerufen hat. „Erst recht werden wir Erdoğan wählen, wir lassen uns nichts vorschreiben.“ Flankiert wurde das durch Fake-News türkischer Medien, verbale Angriffe gegen Deutschland und Äußerungen türkischer Politiker, es gäbe eine internationale Verschwörung gegen die Türkei mit Hinweis auf Berichte in Bild, Spiegel, Stern und Co.

Das Reden über türkische Politik in der türkischen Community hat eine kathartische Funktion: Dampf ablassen, emotional abreagieren, Diskriminierungserfahrungen oder berufliches Versagen bearbeiten etc. Vor allem aber kann man damit sehr gut von den eigenen Unzulänglichkeiten ablenken: Arbeitslosigkeit, familiäre Probleme, Sprachdefizite und vieles mehr.

Die türkische Politik und insbesondere Erdoğan gibt den Deutsch-Türken das Gefühl, dass die individuellen Probleme zweitrangig seien und man in Wirklichkeit Teil einer großen Sache sei. Gemeinsam werde man das große Glück finden und gar das „Osmanische Zeitalter“ wieder einläuten. So erscheinen individuelle Probleme deutlich kleiner und die Türkei umso größer, eine weitere Lebensoption blüht auf: Irgendwann wird man die Alltagsprobleme in Deutschland hinter sich lassen, um im gelobten Land glücklich zu werden. Für viele ein Trugschluss, wie viele desillusionierte Rück-Rückkehrer zeigen. Denn auch in der Türkei herrschen die Regeln des Turbokapitalismus: Man braucht Geld, ein Beruf und viel Vitamin B.

Doch was nun? Das Referendum haben nicht nur die bilateralen Beziehungen zwischen Türkei und Deutschland verschlechtert. Es steht auch nicht gut um das Verhältnis der Deutsch-Türken und der „nur“ deutschen Bevölkerung. Offenkundig ist geworden, dass es innerhalb der deutschen Gesellschaft Menschen gibt, die unverhohlen ihren Hass gegenüber Deutsch-Türken zum Ausdruck bringen. Sie nehmen dabei den Streit um Erdoğan und das Referendum zum Vorwand und würden Deutsch-Türken am liebsten aus Deutschland ausweisen.

Auch die Deutsch-Türken merken nicht, welche Konsequenzen es hat, wenn sie sich mehrheitlich emotional für die Türkeipolitik engagieren, aber hierbei nicht über die politischen Konsequenzen ihres Tuns reflektieren. Deutsche Politik ist stark am Diskurs orientiert. Deutsch-Türken hinterlassen aber oft nur den Eindruck, sie seien entweder das Sprachrohr der türkischen Innenpolitik oder tendierten zu Drohungen und Beleidigungen.

Was wir auf beiden Seiten brauchen ist verbale Abrüstung, Sachlichkeit sowie eine offene Debatte – sowohl untereinander auch mit „den anderen“. Unsere Gedanken müssen sich um die folgende Frage kreisen: Wie stellen wir unsere gemeinsame Zukunft in Deutschland vor?

Zuerst erschienen auf www.migazin.de

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