Imam-Ausbildung in Deutschland: Es führt kein Weg daran vorbei….

Imam-Ausbildung in Deutschland: Es führt kein Weg daran vorbei….

Die Imam-Ausbildung an der Universität Osnabrück verursacht Streit. Noch bevor das Konzept klar ist, gibt es Widerstände auf Seiten der Verbände. Voreilig und vorurteilsbeladen werden – wie üblich – Ressentiments in der Öffentlichkeit geschürt. Organisatoren des Projektes müssen wiederum stärker an die Öffentlichkeit gehen und offene Fragen beantworten.  

Bestätigt wurden die Pläne vom Bundesinnenministerium. „Islamische Theologen der Universität Osnabrück wollen gemeinsam mit Dachverbänden von Moscheegemeinden einen Trägerverein gründen, um in einem Modellvorhaben religiöses Personal islamischer Gemeinden in Deutschland aus- und fortzubilden“, so eine  Sprecherin gegenüber der Presse. Noch bevor die Einzeilheiten zum Projekt bekannt sind, melden die Verbände Kritik an. „Die Imam-Ausbildung ist Sache von islamischen Religionsgemeinschaften. Vor diesem Hintergrund sind politisch motivierte Interventionen zur Ausbildung von Imamen erklärungsbedürftig“, erklärt Bekir Altaş, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Neben den „politisch motivierten Interventionen“ werden die Zahlungen staatlicher Gelder moniert. Mit „politisch motivierten Interventionen“ sind wohl Vorwürfe in Richtung Politik gemeint, die so Altas, keinen „konservativen“ Islam wünsche. Doch an welchen Aktionen oder Vorhaben lässt sich dies festmachen? Genau hier, aber auch anderswo bleiben die Vorwürfe inhaltlos und ohne Belege. Ein weiterer Punkt der Kritik ist die der Finanzierung. Genau dies scheint im Projekt unklar bzw. strittig zu sein (s.u.) – auch wenn das Land Osnabrück das Vorhaben zu mindest politisch unterstützt.

Gegenüber der deutschen Presse wollen sich die Organisatoren nicht äußern: „Die Organisatoren selbst wollten sich aber nicht äußern. Man sei noch in der Gründungsphase und wolle erst zu einem späteren Zeitpunkt informieren, hieß es vom Lehrstuhl von Bülent Ucar. Der Professor am Institut für Islamische Theologie an der Universität in Osnabrück soll den Verein unterstützen“, so meldete die epd-west. Redseliger war man aber scheinbar zur türkischen Presse. Prof. Bülent Ucar erklärte gegenüber der türkischen Zeitung Hürriyet, dass der Lehrgang zwei Jahre dauern soll und in der Anfangsphase 20-30 Studenten aufgenommen werden sollen. Die Trägervereine sollen selber Studenten entsenden können, auch welche die über kein Universitätsabschluss verfügen und zusätzlich welche mit einem Bachelor. Und das Projekt soll vor allem den kleinen Verbänden zu gute kommen, die eben nicht über die finanziellen Mittel verfügen, wie DITIB, IGMG oder VIKZ, die teilweise selber Imame ausbilden oder aus der Türkei importieren. Folglich will der ZMD (Zentralrat der Muslime in Deutschland) das Projekt unterstützen. „Für uns war es immer ein großes Anliegen, dass Imame in Deutschland ausgebildet werden können“, sagte dessen Vorsitzender Aiman Mazyek dem NOZ. Das Kolleg könne sich an der Priester- und Rabbinerausbildung orientieren“, so Mazyek zur NOZ. Mazyek hatte auf einem öffentlichen Podium letzten Jahres im Gespräch mit Innenminister Seehofer die Unterstützung für die Imamausbildung für sein Verband eingefordert.

Finanzierung

Doch scheinen sich Bund und Land nicht einig zu sein, wie weit die Unterstützung des Projektes gehen soll. Allen Akteuren dürfte klar sein, dass man sich hierbei verfassungsrechtlich in einer Grauzone bewegt, denn religiöses Personal, welches nicht in der Wissenschaft oder Schule eingesetzt wird, bilden die Religionsgemeinschaften selbständig aus, z.B. in den Priesterseminaren. Eine anzustrebende Kooperation mit universitären Einrichtungen, wie dies z. B. für Rabbiner der Fall, erfolgt nach klaren Regeln und ist transparent. Ich hatte diese Art der Imamseminare schonmal ins Gespräch gebracht. Die Verbände verfügen nicht über akademische Expertise, die nötig wäre bei der Imamausbildung. Auch ist ihr Ansehen in der Öffentlichkeit sehr gelitten. Eine Kooperation mit staatlichen Akteuren könnte für mehr Transparenz sorgen.

„Das Land Niedersachsen widerspricht dem Bund in Sachen Imam-Ausbildung. Niedersachsens Minister für Wissenschaft und Kultur, Björn Thümler, betonte gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ): „Bei den angesprochenen Projektüberlegungen handelt es sich nicht um ein Projekt in der Verantwortung der Universität Osnabrück oder des Instituts für Islamische Theologie.“ Auch der Bund hält sich, was die Finanzierung betrifft, bedeckt. Im Gegensatz zu Ucar, der von staatlicher Finanzierung beim Projekt spricht, möchte sich der Bund hierzu nicht festlegen:

„Wie das Land will auch der Bund sich nicht festlegen, wie viel Geld in das Projekt investiert wird. Das „hängt von einer Reihe von Faktoren ab“, teilte das Bundesinnenministerium mit – unter anderem von der Gründung des Trägervereins und dem entsprechenden Projektantrag“, so die NOZ. Damit scheint ein wesentlicher Bestandteil des Projektes ungesichert: die Finanzierung. Weder Bund, noch Land möchten sich hierzu klar positionieren. Aber genau dies stellt das ganze Anliegen in ein schiefes Licht und behindert deren Umsetzung.

Denn die Frage ist, wer soll die 10 Bediensteten, von denen Ucar spricht, finanzieren, wer wird die Studenten finanziell unterstützen und folglich die Frage nach der Nachhaltigkeit: Wie sollen Gemeinden, die sowieso finanziell schlecht gestellt sind, die Imame finanzieren? Eine staatliche Förderung scheint zu mindestens aktuell nicht vorgesehen zu sein. Auch wenn: wie auch der deutsche Volksmund treffend sagt: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“, wird man erklären müssen, wenn finanzielle Abhängigkeiten entstehen, wie inhaltliche und vor allem theologische und seelsorgerische Abhängigkeiten von vornherein unterbunden werden können.

Trennung von Staat und Religion

Bülent Ucar betont in der türkischen Zeitung Hürriyet, dass sie eine Intervention des Staates in diesem Bereich nicht zulassen werden und sie dann dieses Projekt nicht tragen werden. Genau dies wird auch von den Verbänden als Kritik vorgetragen. Ähnlich scheint dies auch der Bund zu sehen, der wiederum betont, dass die Ausbildung und der Einsatz religiösen Personals bleibe „aus verfassungsrechtlichen Gründen eine Angelegenheit der religiösen Gemeinschaften“, so ein Sprecher zum NOZ. Eine staatliche Regelung für die Imam-Ausbildung könne und werde es nicht geben. Vielmehr gehe es um die Erprobung von Wegen, auf denen Staat und religiöse Gemeinschaften kooperieren könnten, heisst es weiter. Letztendlich verstricken sich selbst Verbände in Widersprüche wenn sie unreflektiert auf diesem Punkt beharren. Alle großen Verbände, außer VIKZ und ZMD, beziehen Imame aus der Türkei, seien es Pensionäre oder Beamte, die im staatlichen Dienste stehen bzw. gestanden haben. Die Inhalte der Ausbildung werden vom Staat (Religionsbehörde, Erziehungsministerium und den Fakultäten) vorgegeben. Die Zivilgesellschaft hat keine Möglichkeiten einzuwirken, geschweige denn mitzuwirken. Dieser Sachverhalt wird von den türkisch-islamischen Verbänden nicht reflektiert. Geschweige denn, dass der türkische Staat nicht nur den religiösen Bereich kontrolliert, sondern religiöse Gemeinschaften der Bruderschaften oder anderer Art nicht nur nicht anerkennt, sondern jedwede Kooperation ablehnt und einzelne immer wieder kriminalisiert.

Ein weiterer Punkt der in der Berichterstattung gar nicht angesprochen wird, sind Studentinnen. Jeder der sich halbwegs in der Materie auskennt, weiss dass nicht nur die Ausbildung von männlichem Personal in Deutschland unabdingbar ist, sondern die Gemeinden händeringend Fachpersonal für ihre weiblichen Mitglieder brauchen.

Hinweise

Es gibt keinen Grund für Hysterie oder Euphorie – noch nicht – bei der Imamausbildung in Deutschland. Die Kollegen an den deutschen Universitäten verfügen mittlerweile über weitreichende Erkenntnisse und Erfahrungen im Bereich der theologischen Ausbildung. Die Verbände wären gut beraten, wenn sie diese Expertise in Anspruch nehmen würden. Dies kann nur geschehen, wenn kooperiert wird, und nicht eine Blockadehaltung eingenommen wird.

Eine Imamausbildung an den Gemeinden und auch den Verbänden vorbei ist unrealistisch. Denn die Imame können ihrer Aufgabe nur gerecht werden, wenn sie von den Gemeinden  angenommen werden. Und dies kann nur geschehen, wenn die Menschen Vertrauen in Akteure und die Projekte haben.

Folglich ist es unabdingbar, das Transparenz über Inhalte, Zuständigkeiten, Finanzierung und die Nachhaltigkeit usw. herrscht. Deswegen muss die deutschsprachige Öffentlichkeit von den staatlichen und zivilen Akteuren (Unis, Verbände, Lehrpersonal) über das Projekt informiert werden. Vor allem der Bereich der Finanzierung scheint ungeklärt zu sein.

Eins Sprache die den Gegenspieler vermeintlich „entlarvt“ (siehe Erklärung der IGMG) fördert nicht Vertrauen und Solidarität und ist bestimmt keine Grundlage für ein konstruktives Gespräch.

Die Verbände sollten auch ihre Sicht auf die Imame überdenken. Denn wenn man argumentiert, dass die „Imame nur den Gemeindemitgliedern, ihrem Glauben und ihrem Gewissen unterworfen sein“, so Bekir Altas von der IGMG, suggeriert man, dass man eigentlich nur Befehlsempfänger und keine mündigen Theologen möchte, die in Verantwortung vor ihrem Gewissen, der Gemeinde und vor Gott handeln.

Die Imame verfügen über eine gute Ausbildung, aber es mangelt an den Deutschkenntnissen, sie verstehen oft weder kulturell noch sprachlich die Jugendlichen, in der praktisch-theologischen Arbeit stoßen sie auf Grenzen, weil sie eben hier nicht sozialisiert sind. Die Konzepte der Verbände, die sie selbst für die Imamausbildung einsetzen, müssen transparent gemacht werden. Die muslimische, wie nicht-muslimische Öffentlichkeit hat ein Anrecht darauf, sie zu studieren, nachzuvollziehen und ggfls. Änderungswünsche vorzutragen. Es reicht nicht sich ständig zu beklagen.

Quellen:

Bericht in der Hürriyet https://www.google.com/amp/www.hurriyet.com.tr/amp/avrupa/almanyada-imam-yetistirme-projesi-baslayacak-41379550

Erklärung der IGMG https://www.igmg.org/staatliche-intervention-bei-imam-ausbildung/

Presseberichte https://www.google.com/amp/s/amp.tagesspiegel.de/wissen/durchbruch-fuer-die-deutsche-islamtheologie-osnabruecker-professoren-bereiten-imam-ausbildung-vor/25252940.html

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