Moscheen wollen keinen politischen Islam Herrenberg: Eine Gruppe um Gerhard Berner besichtigte am Feiertag die Gebetshäuser

Ismail Yavuzcan distanziert sich in der Ditib-Moschee ausdrücklich von islamistischen Extremen und Terror. „Diese Ausreißer werden von Muslimen geächtet, theologisch können sie nicht vertreten werden“, betont der Lehrer. Im Islam wetteifere man um die guten Dinge, er verpflichte die Menschen, in Frieden zu leben.

Wie gelingt Vielfalt in Deutschland? Das fragte sich am Tag der Deutschen Einheit auch der Diakon Gerhard Berner, der Leiter des Hauses der Begegnung. Eine Gruppe machte sich am Nachmittag zu einem Moschee-Spaziergang auf.

Rüdiger Schwarz

Bei all den grassierenden Vorurteilen, Missverständnissen und Zerrbildern über den Islam kann es nicht schaden, sich vor Ort ein Bild zu machen und nicht über Muslime zu reden, sondern mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Der Tag der offenen Moschee bietet dafür die Gelegenheit. Seit über 20 Jahren gibt es ihn nun schon, einmal im Jahr. Immer am Tag der Deutschen Einheit öffnen landauf, landab sämtliche Moscheevereine ihre Gebetsstätten für interessierte Bürger. Dass sich der Koordinationsrat der Muslime ausgerechnet diesen Tag für sein offenes Angebot auserkoren hat, ist nicht unumstritten geblieben. „Es ist halt ein Feiertag, an dem viele Menschen Zeit haben“, merkt Ismail Yavuzcan dazu an. Der Herrenberger Lehrer und studierte islamische Theologe wird diesen Nachmittag nicht von der Seite der kleinen Gruppe um Gerhard Berner weichen. Nicht jeder weiß, dass es in Herrenberg derzeit vier Moscheegemeinden gibt, drei von ihnen wird man ein Stück weit besser kennen- und verstehen lernen. Viele dieser Gemeinden sind aus der türkischen Arbeiterbewegung heraus entstanden, wurden vor Ort gegründet, als es in Deutschland für muslimische Arbeitnehmer noch keine religiöse Fürsorge gab. Ob nun Ditib, Atip oder Milli Görüs, eines haben diese Moscheegemeinden gemein: Die Dach- und Zentralverbände sitzen allesamt in Köln. Waren die Unterschiede zwischen diesen Gemeinden in den 80er Jahren noch etwas stärker ausgeprägt, trennen sie heute nur noch Nuancen voneinander. Jedenfalls werden die einzelnen Vertreter der Gemeinden nicht müde, dies an diesem Tag zu betonen. „Man muss nicht Mitglied der Gemeinde sein, um in der Moschee zu beten, sie steht allen Nationen offen, zu uns kommen viele syrische Flüchtlinge und Afrikaner“, erzählt Ismail Yavuzcan, der für die Führungen in der Ditib-Moschee verantwortlich ist und gerade vom Mittagsgebet kommt.

Politik in den Moscheen?

Über Politik hält man sich an diesem Tag bedeckt. In der Teestube der Atip-Moschee betont ein Mitglied der Frauengruppe, wie wichtig es sei, dass Politik in diesem Raum keine Rolle spiele, man keinen politischen Islam wolle. Ismail Yavuzcan distanziert sich in der Ditib-Moschee ausdrücklich von islamistischen Extremen und Terror. „Diese Ausreißer werden von Muslimen geächtet, theologisch können sie nicht vertreten werden“, betont der Lehrer. Im Islam wetteifere man um die guten Dinge, er verpflichte die Menschen, in Frieden zu leben. Dass der Ruf des Islam derzeit nicht der allerbeste ist, man immer mehr Gegenwind aus Teilen der Gesellschaft heraus bekommt, geht nicht spurlos an den Gläubigen dieser Religionsgemeinschaft vorüber. „Wir Muslime spüren das“, sagt Muhammed Fakili von Milli Görüs. Und beklagt, dass der Islam in den Medien nicht richtig repräsentiert, geschweige denn verstanden werde. Die Bildungs- und Kulturarbeit haben sich alle Herrenberger Moscheevereine auf die Fahne geschrieben und auch, dass man mitmenschlich miteinander umgehen soll. „Wir haben viele, viele Gemeinsamkeiten, wenn, dann gibt es theologische Differenzen“, weiß Ismail Yavuzcan.

Theologische Unterschiede ?

Doch über diese theologischen Unterschiede schweigt man sich ebenso wie über die politische Ausrichtung aus. Einer Teilnehmerin der Führungen fällt dann doch auf, dass in den Bücherregalen der einzelnen Moscheen recht unterschiedliche Werke zur Auslegung des Koran stehen. Später am Runden Tisch bei Milli Görüs kommt auch der islamische Religionsunterricht an deutschen Schulen zur Sprache. In der Moscheegemeinde in der Aischbachstraße werden Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sieben und 15 Jahren im Klassenverbund von Lehrern im Koran unterrichtet. Viele Jugendliche helfen dort bei der Bildungsarbeit mit. Trotzdem sei die an den Wochenenden stattfindende Koranschule zu wenig, wie Muhammed Fakili befindet. Derzeit kommen an rund 800 deutschen Schulen knapp 55000 Schüler in den Genuss so eines islamischen Religionsunterrichtes.

Ismail Yavuzcan, der den Lehramtsstuhl am Tübinger Zentrum für islamische Theologie mit aufbauen half, weist auf ein anderes Problem hin. „Wir brauchen Imane, die Deutsch können, die hier in Deutschland ausgebildet sind“, unterstreicht er. Man habe das Problem aber erkannt, am Tübinger Zentrum für islamische Theologie, das seine Arbeit zum Wintersemester 2011/12 aufgenommen hat, gebe es eine nächste Generation von Theologen, die der deutschen Sprache mächtig sei. Dies merkt der Herrenberger Lehrer nicht nur mit Blick auf die Moscheen, sondern auch auf die Seelsorge in Krankenhäusern, Seniorenheimen und anderen Einrichtungen an.

In der Ditib-Moschee – mit rund 300 Mitgliedern der größte Moscheeverband in Herrenberg -, wo der Iman die zentrale Figur ist, hält dieser am für alle männlichen Muslime ab der Pubertät verpflichtenden Freitagsgebet seine Predigt zu einem Teil in türkischer, zum anderen Teil in deutscher Sprache ab. „Die Predigten können öffentlich eingesehen werden“, fügt Ismail Yavuzcan noch an.

Natürlich erfährt man an diesem Tag auch viel über den klassischen Aufbau einer Moschee mit dem für die rituelle Teilwaschung so elementaren Waschraum, den obligatorischen Elementen wie Gebetsnische, Lesepult oder Predigtstuhl für die Koranrezitationen und die über eine Treppe erreichbare Kanzel, wo das Freitagsgebet verlesen wird.

Licht ins Dunkel

Ismail Yavuzcan bringt auch Licht ins Dunkel der infolge des Bilderverbotes so üppig und kunstvoll verschnörkelten Kalligrafien an Wänden und Decke. Im an die 500 Gläubige umfassenden Gebetssaal der Ditib-Moschee lenkt er die Blicke unter anderem auf die Schutzfunktion eines Thronverses aus der zweiten Sure des Koran oder auf die für eine sunnitische Moschee so typischen, in den Wandecken angebrachten Namen der ersten vier Kalifen, die dem Propheten Mohammed nachfolgten.

Vielleicht sind an diesem Tag aber die persönlichen Begegnungen viel wichtiger als die kleine Islamkunde. So erzählt der Vorsitzende der Atip-Gemeinde, Seyit Timur, wie er 1978 nach Herrenberg kam, die erste Migrantengeneration bereits den damals noch in der Horber Straße gelegenen Gebetsraum geschaffen hatte, die Moschee für den damals 18-Jährigen zum Treffpunkt wurde, wo er zusammen mit anderen sinnvoll seine Freizeit verbringen konnte. Auch heute bietet die Atip-Gemeinde jede Menge Aktivitäten für Kinder und Jugendliche an, ob das nun Hallensport oder der Unterricht an der Saz, einer traditionellen Langhalslaute, ist.Artikel vom: 2018-10-05 02:00:02

Erschienen auf https://www.gaeubote.de/mobile/index.php?kat=10&artikel=111599205

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